Die verletzte Jugend — Lesung in der Stadtbibliothek Bad Schwalbach

Hier der Arti­kel von Hen­drik Jung aus dem “Wies­ba­de­ner Tag­blatt” vom 11.09.2010

BAD SCHWALBACH 

Die verletzte Jugend

11.09.2010 — BAD SCHWALBACH

Von Hen­drik Jung

LESUNG Sabi­ne Hut­tel stellt in der Bad Schwal­ba­cher Stadt­bü­che­rei ihren Roman vor

Ihr ers­ter Roman führt sie zurück in die Gegend, in der sie auf­ge­wach­sen ist. Sabi­ne Hut­tel kennt Bad Schwal­bach von Besu­chen bei ihrer Paten­tan­te und hat die Hand­lung ihres Debüts nach Wies­ba­den ver­legt, wo sie auf­wuchs. Für eine Lesung kehr­te sie nun in bei­de Städ­te zurück.

Der Roman ent­stand aus der Lese­er­fah­rung von Nabo­kovs Loli­ta her­aus. Es ist fes­selnd, wie er den Leser für die Psy­che eines Trieb­tä­ters fas­zi­niert. Aber was mit Loli­ta ist und in ihr vor­geht, bleibt fast voll­stän­dig aus­ge­spart“, erläu­tert Sabi­ne Hut­tel, was sie zu ihrem Roman-Debüt, „Mein Onkel Hubert“, inspi­riert hat. Dar­in dreht sie den Spieß nun her­um und erzählt die Geschich­te einer ver­letz­ten Jugend aus der Sicht eines 12-jäh­ri­gen Mäd­chens.

Da sie jah­re­lang als Leh­re­rin für Deutsch und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gear­bei­tet hat, ver­fügt die Autorin über umfas­sen­de Erfah­rung mit der Gedan­ken­welt Her­an­wach­sen­der. Mitt­ler­wei­le hat sie die­sen Beruf jedoch auf­ge­ge­ben und kann sich ganz Lite­ra­tur und der Musik wid­men. Sie spielt Gei­ge in einem Orches­ter und wid­met sich auch der Kam­mer­mu­sik.

Und weil die­ses ernst­haft betrie­be­ne Hob­by eine so hohe Bedeu­tung für ihr Leben hat, spielt es auch in dem Buch eine gro­ße Rol­le. Denn der zweit­größ­te Wunsch der zwölf­jäh­ri­gen Hel­mi Schücking ist es, Kla­vier spie­len zu ler­nen. Doch ihre allein­er­zie­hen­de Mut­ter kann sie mit dem Schnei­dern zwar ernäh­ren, aber Extras wie Kla­vier­un­ter­richt sind nicht drin. Da die Geschich­te in den frü­hen 60-er Jah­ren spielt, hat die vater­lo­se Toch­ter auch kei­ne Freun­din­nen und muss im Lau­fe der Hand­lung erfah­ren, „dass sich ein­sam, wie alle Adjek­ti­ve, noch stei­gern lässt“.

Es sind sol­che For­mu­lie­run­gen, die aus einer auf das Detail und fei­ne Nuan­cen Wert legen­den Erzäh­lung noch her­aus ste­chen und ein leich­tes Lächeln auf die Gesich­ter der Zuhö­ren­den zau­bern. „Ihre Abwe­sen­heit füll­te jeden Win­kel der klei­nen Woh­nung“, beschreibt Sabi­ne Hut­ter etwa einen Abend, an dem Hel­mis Mut­ter ihr neu geschnei­der­tes Kleid aus­führt. Selbst die krampf­ar­ti­ge Angst, die Hel­mi befällt, als ein Leh­rer sie wegen Unver­fro­ren­heit tadelt, wird zu einem sprach­li­chen Schman­kerl: „Sprung­be­reit saß der Brech­reiz an mei­nem Magen­ein­gang“, heißt es da.

Der Wunsch nach einer intak­ten Fami­lie

Trotz allem ver­mit­telt sich dem Publi­kum in der Stadt­bü­che­rei das unbe­küm­mer­te Gefühl der Jugend. Doch es dau­ert nicht lan­ge, bis es dem Fort­gang der Hand­lung mit ner­vö­ser Span­nung folgt. Das pas­siert aus­ge­rech­net zu dem Zeit­punkt, als Hel­mi gleich ihre bei­den größ­ten Wün­sche kurz vor der Voll­endung sieht. Zum einen bekommt sie kos­ten­lo­sen Kla­vier­un­ter­richt. Zum ande­ren schöpft sie Hoff­nung, doch noch eine intak­te Fami­lie zu erhal­ten.

In Per­so­nal­uni­on ist die Titel­fi­gur der Geschich­te, Hubert Fels, dafür zustän­dig. Er macht mit Hel­mi und ihrer Mut­ter end­lich die Aus­flü­ge, die sie für den Auf­satz in ihren Eng­lisch-Haus­auf­ga­ben kurz zuvor noch erfin­den muss­te. Als Hubert mit sei­nem Kin­der­chor in den Herbst­fe­ri­en eine Chor­frei­zeit ver­an­stal­tet, darf Hel­mi mit. Ganz erwach­sen fühlt sie sich unter den jün­ge­ren Kin­dern und auch, weil Onkel Hubert sie in die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­an­stal­tung mit ein­be­zieht.

Doch dann kommt der Traum, in der eine Bett­le­rin sie so hart­nä­ckig um eine Gabe angeht, dass sie schließ­lich Hel­mis Blu­se öff­net, um nach ver­steck­tem Essen zu suchen und ihr dabei auch mit der Hand unter den Rock fährt. Was das im Ver­lauf der zwei­ten Hälf­te des Buches für das Mäd­chen bedeu­tet, erfährt das Publi­kum bei der Lesung nicht. Doch die Lese­pro­be ver­mit­telt ganz den Anschein, dass es Sabi­ne Hut­tel gelingt, fein­füh­lig von einem The­ma zu erzäh­len, das Anfang die­sen Jah­res Schlag­zei­len, Stamm­ti­sche und Gesprä­che beherrscht hat, mitt­ler­wei­le aber in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung schon wie­der hin­ter ande­re The­men zurück­ge­fal­len ist.

Sabine Huttel befasst sich in ihrem ersten Roman mit einem Thema, das viele Menschen beschäftigt.	Foto: RMB/Wolfgang KühnerSabi­ne Hut­tel befasst sich in ihrem ers­ten Roman mit einem The­ma, das vie­le Men­schen beschäf­tigt. Foto: RMB/Wolfgang Küh­ner

DAS BUCH

Sabi­ne Hut­tel: Mein Onkel Hubert, Osburg-Ver­lag, 205 Sei­ten, 18,95 Euro

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