Perfektes Kleinod — Sandra Despont im Schweizer Kulturportal “Nahaufnahmen”, Februar 2010

Sabine Hut­tels Erst­ling ist eine leise, bezau­bernde Geschichte über das Erwach­sen­wer­den… Es ist nicht ein­fach, 1960 unehe­lich zu sein. Helmi Schü­cking weiß, dass sie lei­ser sein muss als andere Kin­der, unauf­fäl­li­ger, bra­ver… Durch die Augen einer 12jährigen wirft Sabine Hut­tel… einen prä­zi­sen, doch unprä­ten­tiö­sen Blick auf die enge Moral der 60er Jahre… Die Auto­rin begibt sich gekonnt auf die Augen­höhe eines 12jährigen Mäd­chens, das mit all sei­nen Sin­nen beschreibt, was es sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt. Man atmet den Par­füm­duft der Mut­ter, hört sie “Hach’s dir gehüt­lich” sagen, sieht das Rot des Lip­pen­stifts, ekelt sich vor der Eier­sauce, spürt das Zie­hen im Bauch, als Helmi klar wird, dass das nun Liebe ist…

Per­fek­tes Kleinod

“Mein Onkel Hubert” von Sabine Huttel

Im Som­mer 1960 kom­men die Hoff­nun­gen auf eine rich­tige Fami­lie und die erste Erfah­rung von Freund­schaft und Liebe für Helmi Schü­cking zusam­men. Sabine Hut­tels Erst­ling ist eine leise, bezau­bernde Geschichte über das Erwach­sen­wer­den. Ein Draht­seil­akt, der einen mit einem woh­li­gen, sehn­süch­ti­gen Gefühl zurücklässt.

Es ist nicht ein­fach, 1960 unehe­lich zu sein. Helmi Schü­cking weiss, dass sie lei­ser sein muss als andere Kin­der, unauf­fäl­li­ger, bra­ver. Ihr gröss­ter Wunsch, Kla­vier­spie­len zu ler­nen, liegt in wei­ter Ferne. Jede kleinste Anschaf­fung, jeder kleinste Luxus ist für die Mut­ter, die quasi mit der Näh­ma­schine ver­wach­sen ist, eine Belas­tung. Doch im Som­mer 1960 schei­nen Wun­der mög­lich zu sein.

Ein E zum Glück?
Helmi nimmt ihr Schick­sal erst ein­mal selbst in die Hand. Mutig fragt sie beim loka­len Kla­vier­händ­ler, wie teuer denn die Repa­ra­tur des E käme, das ihr stän­dig das “Der Mond ist aufgegangen”-Geklimper ver­dirbt. Sie gerät an Hubert Fels, der nicht nur die Taste repa­riert, son­dern ihr ab und zu auch Kla­vier­stun­den gibt – und Gefal­len an Hel­mis Mut­ter zu fin­den scheint. End­lich ver­bringt Helmi einige Tage, in denen sie ein ganz nor­ma­les Kind sein darf. End­lich darf sie mal (von Onkel Hubert dazu ange­stif­tet) Unfug machen, unbe­schwert sein, end­lich denkt auch Hel­mis Mut­ter nicht immer nur an die vie­len Kun­din­nen, die dann und dann ihre neuen Röcke, Blu­sen und sons­ti­gen Klei­der anpro­bie­ren wol­len. Viel­leicht, ganz viel­leicht, und Helmi wagt es kaum zu den­ken, wer­den sie, Mama und Onkel Hubert eine Familie?

Feri­en­la­ger + Onkel = ?
Durch die Augen einer 12-Jährigen wirft Sabine Hut­tel in “Mein Onkel Hubert” einen prä­zi­sen, doch unprä­ten­tiö­sen Blick auf die enge Moral der 60-er Jahre, in der ein unehe­li­ches Kind noch Anstoss erregte und einer Mut­ter ohne Ehe­mann mit Miss­trauen und Gering­schät­zung bege­ge­net wurde. Doch glück­li­cher­weise miss­braucht Hut­tel ihre Prot­ago­nis­tin nicht dazu, die 60-er Jahr als lebens­feind­li­che und rigide Zeit zu ver­un­glimp­fen. Denn wie sehr Helmi und ihre Mut­ter auch unter ihrer Lage lei­den – Lebens­glück hängt letzt­end­lich nicht von Äus­ser­lich­kei­ten, son­dern von den Bezie­hun­gen zwi­schen Per­so­nen ab. Doch diese sind auch nicht unpro­ble­ma­tisch. Die Mut­ter ver­sorgt Helmi zwar, soweit es ihre finan­zi­el­len Ver­hält­nisse erlau­ben, mit allem, was ein Kind so braucht, doch es fällt ihr schwer, dem Mäd­chen ihre Liebe zu zei­gen. Helmi wie­derum ist hin– und her­ge­ris­sen zwi­schen der stau­nen­den Ver­eh­rung für ihre tat­kräf­tige Mut­ter und dem Wunsch danach, ein nor­ma­les Leben zu füh­ren. So aber fin­det sie sich damit ab, oft alleine zu sein, ihres Makels wegen keine Freunde zu haben. Aber der zum Grei­fen nahe Traum einer intak­ten Fami­lie zer­bricht aus­ge­rech­net, als das undenk­bar Schöne wahr wird: in den Herbst­fe­rien darf Helmi mit Onkel Hubert auf eine Chor­frei­zeit. Doch das Feri­en­la­ger macht ihr klar, dass sie sich in Onkel Hubert gründ­lichst getäuscht hat und ein­sam ein stei­ger­ba­res Adjek­tiv ist. Wer jetzt Alarm­glo­cken­ge­bim­mel in sei­nem Kopf hört, hat Recht. Und doch auch nicht.

Auf Augen– und Nasen­höhe einer 12-Jährigen
Mit ihrem ers­ten Roman schafft Sabine Hut­tel eine voll­en­dete Geschichte, die einen flugs in die eigene Jugend­zeit ver­setzt. Denn ob eine Frau ein gan­zes Haus in Ver­ruf brin­gen kann, weil sie meh­rere Tage das Put­zen des Trep­pen­hau­ses ver­nach­läs­sigt hat, oder nicht – gewisse Hoff­nun­gen, Träume und erste Ent­täu­schun­gen, gewisse Anfor­de­run­gen der Gesell­schaft und dass sich Indi­vi­duen daran rei­ben – all das ist  zeit­un­ab­hän­gig. So ist “Mein Onkel Hubert” in den 60-ern ver­haf­tet und trotz­dem all­ge­mein­gül­tig, Helmi könnte eben­so­gut einer Fami­lie von Sozi­al­hil­fe­be­zü­gern ent­stam­men und auf ihre ers­ten Techno-Parties gehen; ihre Erfah­run­gen wür­den trotz­dem nicht an Gül­tig­keit ver­lie­ren und haben uns des­halb auch heute etwas zu sagen. Und wie Hut­tel ihre Prot­ago­nis­tin spre­chen lässt, macht “Mein Onkel Hubert” per­fekt. Die Auto­rin begibt sich gekonnt auf die Augen­höhe eines 12-jährigen Mäd­chens, das mit all sei­nen Sin­nen beschreibt, was es sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt. Man atmet den Par­füm­duft der Mut­ter, hört sie “Hach’s dir gehüt­lich” sagen, sieht das Rot des Lip­pen­stifts, ekelt sich vor der Eier­sauce, spürt das Zie­hen im Bauch, als Helmi klar wird, dass das nun Liebe ist. Alles in die­sem Roman erzählt von Helmi und appel­liert zugleich an die Lese­rin­nen und Leser, lässt mit­füh­len und ruft Erin­ne­run­gen wach. – Wie war das aber nun mit die­sem Onkel Hubert?

Nein, kein Kli­schee – ein Kleinod
Man sieht es kom­men. Ein Hubert, der Onkel genannt wird und sich mit Mäd­chen und Mut­ter befreun­det, das kann in einem Roman nicht gut­ge­hen. Umso erfreu­li­cher ist es des­halb, dass Sabine Hut­tel sämt­li­che Klischee-Klippen umschifft und ihren Erst­ling nicht an den sich lang­sam her­an­schlei­chen­den Mons­tro­si­tä­ten alter Grü­se­l­män­ner zer­schel­len lässt. Ele­gant macht sie das, ohne Helmi der Ver­ach­tung preis­zu­ge­ben, ohne den Roman in allzu seich­tes Was­ser zu len­ken. “Mein Onkel Hubert” ist ein Kleinod. Eine zärt­lich erzählte Geschichte des Über­gangs von der Kind­heit zur Jugend, stim­mig und dicht, dabei leicht und trans­pa­rent, ohne Pathos, ohne eine äus­ser­lich ein­fa­che, für die Prot­ago­nis­tin aber ent­schei­dende Lebens­wende auf­zu­bau­schen oder klein zu hal­ten. Ein Buch, in dem man sich ver­liert und das man mit einer leich­ten Trau­rig­keit bei­sei­te­legt. Das per­fekte Buch also.

Osburg Ver­lag

205 Sei­ten, ca. CHF 32.90

http://www.nahaufnahmen.ch/2010/02/20/mein-onkel-hubert-von-sabine-huttel/

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